Pflanzenschutz und unerwünschte Nebenwirkungen: Pestizide in Luft, Boden und Wasser

26.06.2009 | Dortmund
Agrochemische Experten aus Europa und den USA trafen sich auf der 11. Internationalen AGRO-Konferenz der Akademie Fresenius in Mainz

Pestizide machen in der Öffentlichkeit oft Negativschlagzeilen: Berichte über erhöhte Rückstände in Obst oder Gemüse sind an der Tagesordnung, wissenschaftliche Studien weisen immer wieder auf Negativauswirkungen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln hin. "Bad news is good news" - nach diesem Motto wird die Öffentlichkeit vorwiegend über die unerwünschten Auswirkungen der Pestizide informiert. Dabei erfüllen Pflanzenschutzmittel (das deutsche Wort ist positiver besetzt) wesentliche Funktionen in der Landwirtschaft: Nutzpflanzen schützen und Schädlinge bekämpfen. Die hohe Kunst ist es, Schaderreger zu vernichten oder deren Vermehrung einzudämmen, ohne Mensch und Umwelt zu gefährden. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Industrie, Wissenschaft und Politik. Vertreter aus diesen Bereichen trafen sich vom 22. bis 23. Juni in Mainz auf der

11. Internationalen Fresenius-Konferenz "Behaviour of Pesticides in Air, Soil and Water". Siebzehn Experten aus Deutschland, Europa und den USA berichteten über aktuelle politische Entwicklungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse europäischer Arbeitsgruppen.

Pflanzenschutzmittelrichtlinie und Wasserrahmenrichtlinie: Harmonisierung gefragt

In Europa gibt es zwei Richtlinien mit unterschiedlichen Methoden, Gefahren und Risiken abzuschätzen, die von Pflanzenschutzmitteln ausgehen: Die Zulassungskriterien für das Kompartiment Wasser in der Europäischen Pflanzenschutzmittelrichtlinie 91/414/EWG und die Wasserqualitätsstandards in der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Diese Kriterien und Standards resultieren einerseits aus Wissen über Umweltverhalten und Ökotoxizität von Pflanzenschutzmitteln, andererseits aus einer politischen Entscheidung über die Akzeptanz von Risiken. "Die Zulassungskriterien für das Kompartiment Wasser unterscheiden sich von den Wasserqualitätsstandards in ihrer Funktion, ihrer Anwendung und in der Art und Weise, wie die Folgenabschätzungen mit der Expositionsbewertung verbunden werden. Das macht einen gegenseitigen Vergleich schwierig", sagte Gert-Jan de Maagd (Niederländisches Ministerium für Transport, öffentliche Arbeiten und Wasserwirtschaft) auf der Fresenius-Konferenz. Er hält einen gemeinsamen Kontext für die zugrunde liegenden Politikentscheidungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse notwendig. Fehlt dieser gemeinsame Kontext, so de Maagd weiter, könne die Anwendung zugelassener Pflanzenschutzmittel die Wasserqualitätsstandards in WRRL-Gewässern aufweichen. De Maagd: "Die kürzlich beschlossenen, strengeren Zulassungskriterien unter der Richtlinie 91/414/EWG und die neuen WRRL-Standards lösen diese Probleme nicht vollständig."

Die Niederlande schlagen folgenden Ansatz vor: Die Akzeptierbarkeit sollte an zwei Stellen im Wassersystem beurteilt werden, jeweils mit einem eigenen Bewertungsverfahren. In kleinen Oberflächenrandgewässern sollte die Risikobewertung für Kurz- und Langzeitbelastung nach Richtlinie 91/414/EWG ausgeführt werden - möglichst basierend auf standardisierten Europäischen Datendossiers und Modellen sowie auf nationalen Expositionsszenarien. Bei WRRL-Gewässern sollte das Verfahren zur Gefährdungsbeurteilung gemäß WRRL angelegt sein, indem die Umweltqualitätsstandards (EQS) für Kurz- und Langzeitbelastungen mit den prognostizierten Belastungskonzentrationen (Vorregistrierung) beziehungsweise gemessenen Belastungskonzentrationen (nach der Registrierung) verglichen werden. "Wenn in einem dieser beiden Fälle die spezifischen Kriterien oder Standards nicht eingehalten werden, kann das Pflanzenschutzmittel nicht zugelassen werden", erklärte de Maagd.

Risikobewertung in Best-Management-Practice einbinden

Einige EU-Richtlinien verlangen Maßnahmen, die Kontamination von Gewässern zu minimieren und die Qualität der Oberflächengewässer zu verbessern, indem beispielsweise in Flussgebieten Management-Pläne und Fortbildungsprogramme für Landwirte und Anbauer entwickelt werden. Die European Crop Protection Association (ECPA), die europäische Pflanzenschutzmittelhersteller vertritt, sieht Handlungsbedarf, um die Ziele der Richtlinien zu erreichen. Die ECPA favorisiert einen Ansatz, der viele beteiligte Parteien einbezieht, einschließlich Landwirte und Anbauer, Wasserwirtschaftsmanager und Gesetzgeber ebenso wie die Pflanzenschutzindustrie: "Die ECPA arbeitet derzeit an einer Initiative, die ein Netzwerk von Partnern einbeziehen wird, um Berater und Landwirte zu befähigen, mit diffusen Quellen für Stoffeinträge in Gewässer umzugehen", sagte Richard Allen (Bayer CropScience, North Carolina/USA) auf der Fresenius-Konferenz. Ziel des vorgeschlagenen Programms ist es, eine Reihe regional ausgerichteter, praktischer Maßnahmen zu entwickeln, die zum einen den Stoffeintrag in Oberflächengewässer über Abdrift und Abfluss reduzieren, zum anderen auch in gesetzliche Entscheidungsprozesse einfließen und von Anbauern umgesetzt werden können. Allen: "Das Programm ist in ein europaweites Netzwerk eingebunden. Dadurch sorgt es für Wissenstransfer und klärt über Möglichkeiten auf, Best-Management-Praktiken auf der Ebene des Landwirtschaftsbetriebs und des Wassereinzugsgebiets einzuführen."

ELINK-Workshop: Expertenwissen verknüpfen

Know-how und Erfahrungen zu bündeln war auch ein Hauptbeweggrund für den ELINK-Workshop ("European Workshop on Linking Aquatic Exposure and Effects in the Registration Procedure of Plant Protection Products"), sagte Colin Brown von der Universität York (England) auf der Fresenius-Konferenz. Obwohl es einige europäische Leitliniendokumente gibt, die sich mit Gewässerbelastung oder Wirkungsbeurteilung von Pestiziden befassen, hat eine Verknüpfung dieser beiden Fachgebiete in diesen Dokumenten kaum Beachtung gefunden. Außerdem sind die gegenwärtigen Verfahren aquatischer Risikobewertung nicht in der Lage, einige Unsicherheiten auszuräumen, die sich aus den zeitlich variablen Belastungsprofilen der Oberflächengewässer ergeben - in der Praxis eher die Regel als die Ausnahme. Mehr als 50 Wissenschaftler unterschiedlicher EU-Mitgliedstaaten und den USA nahmen an dem ELINK-Workshop teil, darunter Vertreter der Politik, der Industrie und der akademischen Welt. Brown, Mitglied des ELINK-Organisationsausschusses, berichtete über neun Empfehlungen, die während des Workshops erarbeitet wurden. Die letzte dieser Empfehlungen rät, ökologische Datensätze (physikalischer, chemischer und biologischer Natur) für Bäche, Flüsse und Teiche in landwirtschaftlichen Gebieten für unterschiedliche geoklimatische Zonen in Europa zu sammeln. Diese Datensätze könnten Experten als ein "Handbuch für ökologische Szenarien" nutzen, um eine verbesserte Belastungs-, Wirkungs- und Risikobeurteilung durchzuführen, erklärte Brown.

Quelle: Pressemeldung Die Akademie Fresenius GmbH

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